Cellulite Teil 1

Cellulite Teil 1
Neun von zehn Frauen haben Cellulite. Und immer mehr Männer auch, – vor allem jüngere. Soviel ist unstrittig. In Sachen Behandlung von Cellulite gehen die Meinungen hingegen auseinander.

Ständig neue Methoden versprechen gerne und immer wieder ultimative Lösungen. Doch eines ist klar: die Cellulite ist ein komplexes Syndrom. Das heißt, verschiedene medizinische oder physiologische (Krankheits-) Symptome liegen gleichzeitig vor. Und komplexe Syndrome verdienen eine ganzheitliche Betrachtung. Damit ist das Cellulite-Thema ein Fall für uns. Mehr noch Cellulite ist eine Krankheit, die noch nicht als Krankheit gilt.

Aus physiologischer Sicht stellt sich das Cellulite-Übel relativ einfach dar. Starten wir dafür eine Reise unter die Haut! Würde man die oberen Hautschichten von Beinen, Bauch und Po wie bei einer Zwiebel abschälen, so würde man unter der Kutis ungewöhnlich aufgeblähte Fettzellen entdecken. Fettzellen, aus denen das subkutane Fettgewebe besteht, haben wir Wirbeltiere fast überall. Unser Fettgewebe hat vielfältige Aufgaben: es verbrennt Nährstoffe wie Eiweiß (Aminosäuren), Fett (Triglyceride) und Kohlenhydrate (Glucose) und schützt uns thermisch. Die Fettzellen können bedingt auch Nährstoffe speichern und schützen uns vor mechanischem Druck von außen, zum Beispiel wenn wir uns stoßen. Das subkutane Fettgewebe ist fest mit seinen Nachbarn, der Epidermis und Dermis – dem, was wir eigentlich unter „Haut“ verstehen – verbunden. Dafür sorgen Eiweißstränge aus Collagen und Elastin, die wir treffenderweise als „Bindegewebe“ bezeichnen.

Eine kurze Reise unter die Haut…

Im Normalzustand sind die Fettzellen ca. 1,5 mm groß; also so groß wie Stecknadelköpfe. Im Fall von Cellulite haben sich einige Fettzellen allerdings bis zu einem Zehnfachen ihrer ursprünglichen Größe aufgemausert. Jetzt sehen sie aus wie dicke, weiße Bohnen.

Bleiben wir auf Entdeckungstour! Was verbirgt sich in diesen Monsterzellen? Was hat dazu geführt, dass sie so gigantische Ausmaße angenommen haben?

Wenn wir die Zellen vorsichtig öffnen, springen uns großmolekulare Stoffwechselprodukte ins Auge. Dazu sagt der Volksmund „Schlackenstoffe“. Es handelt sich um den „Abfall“, der beim Verbrennen von Eiweiß, Fett und Kohlenhydraten übrig geblieben ist. Natürlich sind die Fettzellen von Natur aus nicht als Endlagerstätte für Verbrennungsrückstände vorgesehen. Im Regelfall hätte der schlackige Restmüll als Exkremente ausgeschieden werden müssen; vielleicht hätten wir ihn zusammen mit den Ballaststoffen unserer Nahrung auf der Toilette nochmal kurz wiedergesehen. Aber offensichtlich hat irgendetwas mit dem Abtransport der „Schlackenstoffe“ von den Fettzellen bis zum Darm nicht funktioniert. Das sollten wir genauer untersuchen.

Was passiert, wenn die Müllabfuhr streikt?

An der Stelle kommt unser Lymphsystem ins Spiel. Die Lymphe hat die Aufgabe, sich um genau diesen großmolekularen Restmüll zu kümmern und brav zur Cysterna Chyli, also zum Darm im Bauchraum zu verfrachten. An dieser Stelle der Rundreise kommt häufig die Frage: Warum denn eigentlich die Lymphe und nicht das Blut? Ganz einfach: weil unser Blut zum Herzen zurück fließt und von dort aus in die Lunge. Würde unser Blut besagte Stoffwechsel-Übrigbleibsel transportieren, lautet die Todesursache: „Tod durch Kot-Embolie“. Doch zum Glück ist die Aufgabenteilung in unserm Gefäßsystem klar geregelt. Das venöse Blut transportiert nur gasförmige CO2-Moleküle; das sind winzig kleine Verbindungen, in die der Sauerstoff eingegangen ist, nachdem er seine elektrische Energie, die wir für fast jeden Stoffwechselprozess brauchen, in den Zellen abgegeben hat.

Diese Moleküle strömen aus allen Zellen über die Venen zum Herzen und von dort aus in die Lunge zur Ausscheidung über die Atmungsorgane. Das Ganze funktioniert hervorragend; denn das Blut wird von einem äußerst leistungsfähigen Aggregat durch den Körper transportiert, – von unserem Herzen.

Die Muskelpumpe ist quasi das Herz der Beine.

Aufgabe der Lymphe ist es, den feststofflichen Müll zu transportieren, also die größeren Moleküle. Die Transportroute ist ebenfalls klar: vom Fettgewebe aus zu den Därmen im Bauchraum. Von dort aus wären sie ausgeschieden worden. Unterwegs hätten neugierige Makrophargen -auch „Fresszellen“ genannt- in den Lymphknoten den Abfall nochmals auf evtl. brauchbare Vitamine und Amino-Säuren untersucht und diese recycelt. Allerdings funktioniert dieser Transport bei Cellulite nicht mehr ausreichend. Im Laufe der Jahre werden die liegen gebliebenen Müllberge in unserem Fettgewebe immer größer. Das Resultat: „Beulenpest“, – wie es eine Journalistin des Westdeutschen Rundfunks beschrieben hat.

Auf unserer Reise sind wir jetzt an der Quelle der Erkenntnis des Übels angekommen: Cellulite ist das Ergebnis davon, dass nicht genügend Lymphe geflossen ist. Die Lymphe tut uns ja leider auch nicht den Gefallen, ausreichend aus eigenem Antrieb zu fließen. Anders als im Blutkreislauf gibt es im Lymphsystem schließlich kein zentrales Herz, – jedenfalls kein so starkes und leistungsfähiges wie das unseres Blutkreislaufs. Lymphe fließt nur ausreichend, wenn man sich bewegt. Emil Vodder, der Begründer und erster Lehrmeister (nach Aristoteles) der modernen Lymphologie sagte es treffend: „Lymphe muss geflossen werden!“ Verantwortlich dafür ist die so genannte „Muskelpumpe“. Man muss sich bewegen, damit Lymphe fließt und ausreichend „Schlackenstoffe“ abtransportiert werden. Bei jeder Bewegung spannen sich die Muskeln an und drücken aus der Tiefe der Extremität gegen die Haut. Dazwischen liegen unsere Lymphgefäße (und Venen!), ausgestattet mit Klappen, die die lymphpflichtigen Lasten nur in eine Richtung passieren lassen, nämlich zum Rumpf hin.

Genau da hat scheinbar auch etwas nicht funktioniert. An mangelnder Bewegung alleine, die zweifelsohne auch ein Grund für Cellulite sein kann, kann es nicht liegen; denn schließlich haben auch Mädchen (und immer mehr Knaben), die noch Sportunterricht in der Schule haben, oder aktive Fitnessstudio-Mitglieder und selbst Sportlerinnen Cellulite. Die Hauptursache für das Desaster liegt im Bindegewebe. Denn damit die Muskelpumpe ordentlich funktionieren kann, muss das Bindegewebe engmaschig vernetzt und ordentlich straff sein. Es soll wenig nachgeben, damit unsere Muskeln die Lymphgefäße in Haut- und Fettgewebe perfekt auspressen können. Ist das Bindegewebe aber schlaff und hat „Laufmaschen“ (die, die schon etwas länger jung sind, werden sich erinnern), dann verpufft der Muskelpumpendruck durch die Haut. Es fehlt der Gegendruck! Um es klar zu machen: wer ein schwaches, schlaffes Bindegewebe hat, kann sich bewegen so viel er will: es fließt nicht mehr ausreichend Lymphe und stuhlpflichtige „Schlackenstoffe“ werden nicht mehr genügend ausgeschieden!

… Soviel für heute weiter geht es demnächst in Teil 2.

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